Donaudelta
ein Flugbericht über einen Herbstausflug ans schwarze Meer von Wolfgang Oppelmayer.
Stromkilometer 1880 bis zur Mündung ins schwarze Meer, wir leben an der Donau in Hainburg. Seit meiner Kindheit wollte ich einmal das Ende dieses gewaltigen, fast alle Völker Mittel und Osteuropas verbindenden Stromes erleben.
Im Frühherbst 2010 genauer vom 6.09. bis zum 11.09. war es so weit. Ins Donaudelta würde die Reise gehen. Georg Pantuceck, Andy Binder als Emil und ich als Franz waren wieder unterwegs. Für die Leser die den Ausdruck Emil und Franz in der Luftfahrt noch nicht kennen. Der Emil ist der Pilot, der Franz franzt und ist somit der Navigator.
Ausgangspunkt Spitzerberg, Reisemittel Cessna 210. Hier soll das Flugzeug einmal genauer beschrieben werden.
Das Urmodell der 210 Baureihe, seinerzeit von Cassna als Gegenstück zur Bonanza entwickelt und dementsprechend auf gute Flugleistungen ausgelegt. Mit ihren 50 Jahren, 2.500 Flugstunden und 1.800 Starts seit ihrem Baujahr 1960, steht sie in der vollen Blüte ihrer Jahre. Also ganze 36 Starts im Durchschnitt pro Lebensjahr ist sie in die Luft gekommen. Ausgerüstet für Instrumentenflug. Ein IO 470 E von Continental mit 460 HP treibt sie, bei 55% Leistung in 11.000 ft, bei einem Verbrauch von 40 Litern in der Stunde, mit 155 Knoten vorwärts. Bei 60 US Gallonen ausfliegbaren Sprit kann man mit dieser entnommenen Leistung 5h40 in der Luft bleiben.
Ursprünglich sollte es bis Odessa gehen. Dazu war es erforderlich bei der Ukrainischen Luftfahrtbehörde um eine permission anzusuchen. Zwei Versuche mit allen geforderten Unterlagen und zwei Telefongespräche mit dem zuständigen Beamten in Kiev waren letztendlich nicht von Erfolg gekrönt. Es kam zu keiner Einflugfreigabe. Also einmal Donaudelta und zurück ohne Abstecher nach Odessa.
In der Flugvorbereitung wurden die Plätze mit Flugbenzin erhoben. Es gibt nur etwa bei der Hälfte der rumänischen Flugplätze AVGAS! Da wir die Donau bei einem früheren Ausflug
nach Istanbul bis in die rumänische Tiefebene abgeflogen sind, flogen wir durch das Landesinnere. VFR fliegen ist in Rumänien nur mit einer permission durch die rumänische Luftfahrtbehörde möglich. Für IFR Flüge ist nur der Flugplan erforderlich.
Das Routing führte vom Spitzerberg, LOAS ein Stück über die Slovakei und nördlich von Budapest den Luftstraßen folgend nach Arad, LRAR. Es wäre auch ein direkter Flug zu unserem Zielflugplatz Tulcea, LRTC mit unserer Reichweite möglich gewesen. Ein Hinweis im Jeppesen über die Einflugverfahren erforderte einen Einflug über einen Airport off Entry aber Tulcea war kein Airport off Entry. Der Platz hatte zwar Zoll aber in den Jeppesen-Unterlagen keinen Hinweis auf „Airport off Entry".
Es war ein ruhiger Flug, zuerst der Donau folgend über Estergom über die ungarische Wachau, zwischen Estergom und Vac, in die ungarische Tiefebene direkt nach Arad. Flugzeit 1h44 für 270 nautische Meilen. Temesvar anzufliegen wäre auch möglich gewesen, aber bei einem früheren Flug dorthin waren mir die exorbitanten Landegebühren noch in Erinnerung. In Arad kostete die Landung mit Handling zwar auch € 60.- aber nicht 280.- wie in Temesvar. Freundlich empfangen konnten wir, mit Österreich vergleichbaren Benzinpreisen, sofort tanken.
Die Flugpläne hatten wir über Hombriefing bei Austro Control gleich vom Spitzerberg nach Arad und einen zweiten von Arad nach Tulcea aufgegeben. Fugzeugpapiere vorweisen, die Einreise und die Bezahlung waren so schnell erledigt, dass noch Zeit blieb für einen Plausch mit dem Betriebsleiter.
Der Flugplan lag schon vor, es ging weiter. Transilvanien, ein fruchtbares Gebiet weiträumig umschlossen von bis zu 2500 Meter hohen Bergen, dem Karpartenbogen, lag unter uns. Die fruchtbaren flachen Täler und die riesigen Waldgebiete, hier ziehen noch Bären und Wölfe durchs Land, waren beeindruckend. Einst im 16. Jahrhundert wurde das Land von Sachsen und Bayern besiedelt. Ehemalige Ortsnamen wie Hermannsstadt heute Sibiu, oder Klausenburg heute Cluj Naboca, zeugen davon.
Die Berge wurden kleiner und zu Hügel. Hundert Kilometer vor der Ölstadt Bacau drehte der Kurs nach Ostsüdost. Die Gegend verlor an Kontur und in der Ferne tauchte die Donau bei Galata auf. Hier beginnt das Delta. Auf den letzten 100 Kilometern, durch schwere Schauer fliegend, erreichten wir mit einem perfekt gewaschenen Flugzeug nach 2h27 Flugzeit für 351 NM Tulcea, LRTC. Die Frage im Anflug ob wir gleich tanken wollen wurde bejaht. Besser den Benzin in unseren Tank’s als vielleicht in einer der beiden Antonow die in der Wiese abgestellt waren.
Flugverkehr ist hier rar und so wurden wir von fast allen am Flugplatz anwesenden am Vorfeld empfangen. Tanken, Flugzeug festmachen, die Formalitäten erledigen und den Sprit bezahlen. In vierzig Minuten war alles erledigt. Für den Liter wurden uns als Privatflieger € 2,70 abgenommen, etwas heftig. Beim Hotel in Tulcea, wir hatten über das Internet das Hotel schon ausfindig gemacht, bestellten wir ein Taxi. Die Zufahrt zum Flugplatz, üblicherweise mit einem Tor verschlossen, wurde aufgesperrt und das Taxi konnte uns aufnehmen.
Die Donau teilt sich im Delta in drei schiffbare Arme. Den nördlichen, der über Izmaiyil die Grenze zu der Ukraine bildet. Den mittleren der bei der Stadt Sulina in das schwarze Meer mündet und den südlichen, der bei der Insel Sahalin das Meer erreicht. Vor der Gabelung zwischen dem mittleren und dem südlichen Arm liegt die Hafenstadt Tulcea. Sie ist der Ausgangspunkt für Ausflüge per Schiff in die vielen verzweigten Wasserwege des Deltas. Da es mit einem Flug nach Odessa nichts geworden ist, wir hatten die Hoffnung, dass die Permission doch noch am Spitzerberg, am Anreisetag nach Tulcea einlangt, hatten wir Zeit. So verwendeten wir den nächsten Tag für einen Rundgang durch die Stadt.
Wir hatten im Hotel eine Schiffsreise durch das Delta gebucht und am Mittwoch um 9.oo Uhr ging es mit einem Boot für 12 Personen los, vier junge spanische Touristen waren auch an Board. Es war ein flaches Boot mit einem Außenbordmotor. Es bestand aus zwei Schwimmkörpern mit einer Plattform mit Bänken und freier Sicht nach allen Seiten. Hunderte Fischer bevölkerten auf den ersten Kilometern beide Ufer. Fischen ist für den Lebensunterhalt hier sicher eine wichtige Sache und für das Haushaltsbudget von Vorteil. Wir bogen vom Hauptstrom ab und es ging hinein in Feuchtgebiete mit einer wunderbaren Vogelwelt. Die sehenswerte Exkursion führte ca. 60 km durch diesen unberührten Urwald. Nach drei Fahrstunden erreichten wir ein Hausboot auf dem schon für uns der Mittagstisch vorbereitet war. Natürlich gab es Fisch und guten Hauswein oder besser Bootswein.
Am Abend wurde über das Internett das Wetter eingeholt und entschieden dass es am Donnerstag nach Siebenbürgen (Transsylvanien) gehen soll. Wir haben uns für Klausenburg das heutige Cluj Naboca, LRCL entschieden. Der Flugplatz hatte F3, also Flugbenzin. Von dort werden wir mit einem Leihwagen in das mittelalterliche Schäßburg heute Sighisoara fahren.
In Neumarkt dem heutigen Targu Mures, das näher lag, wollten wir nicht landen da es dort nur Jet A1 gibt. Der Flugplan wurde noch über Internet, Homebriefing macht’s möglich, vom Hotel aus aufgegeben.
Nach einem ausgiebigen Frühstück fuhren wir mit dem Taxi zum Flugplatz, das Tor wurde geöffnet, und wir wurden auf Grund des schon vorliegenden Flugplanes erwartet. Die Sicherheitskontrolle war schnell erledigt und der Handling Agent hatte schon unseren bestätigten Flugplan bei sich. Es gab auch noch anderen Flugverkehr. Ein großer Hubschrauber landete. Die Gebühr für Landung, parken, Handling und Transport der Reisetaschen zum Flugzeug wurde mit € 92.- abgegolten. Im Gespräch mit dem Herrn von AIS stellte sich heraus, dass wir beim Herflug direkt ohne Zwischenlandung in Arad, nach Tulcea hätten fliegen können. Tulcea und auch der Flughafen Cluj Naboca seien internationale Flughäfen die für Ein und Ausreise zugelassen sind. Auch wurden wir informiert, dass es in Cluj Naboca, entgegen den Infos aus dem Jeppesen, keinen Flugbenzin gebe. Wir rechneten nach und fassten eine neuerliche Landung in Arad zum Tanken ins Auge. Sollten wir keinen zu starken Gegenwind haben würde es sich auch ohne tanken vom schwarzen Meer mit Zwischenlandung in Cluj Naboca bis zum Spitzerberg ausgehen. Da nur das fliegen nach Luftstraßen erlaubt ist ging es über die L624 nach TOMET und die L140 nach TGM -Taru Mures- (NDB), von dort der T90 folgend zum VOR CLJ Cluj Naboca drei Meilen neben dem Zielflugplatz. Die 253 NM waren in 2h07 abgespult. Einsam und allein aber bewacht stand unsere OE-DEC auf dem Abstellplatz für Kleinflugzeuge. Nach einer halben Stunde hatten wir einen Leihwagen und machten uns im Abendverkehr nach Schäßburg auf den Weg.
Dass Autofahren in diesem Landstrich ist etwas anders als bei uns. Pferdefuhrwerke, LKW, Schlaglöcher ungeahnter Größe und Tiefe erforderten es vorsichtig zu fahren. Wir kamen durch Orte wo die Männer riesige schwarze Hüte trugen, alle mit Stiefel und Schurz, dunkle Typen mit schwarzen Bärten. Die Frauen trugen bodenlange bunte Kleider. Ebenso Orte toll im Blumenschmuck, die alten Bauernhäuser frisch gestrichen, Gänse und Enten in den Wassergräben entlang der Straße.
Den nächsten Vormittag verbrachten wir in Schäßburg. In diesem Ort ging der Vater der Raketentechnik, Professor Hermann Oberth geb. 1894 gest. 1989 ins Gymnasium. Ein Museum im Uhrturm, der an sich schon sehenswert ist, zeigt die Geschichte dieser mittelalterlichen Stadt.
Als nächstes besuchten wir die bekannteste Wehrkirche (eine von über hundert) von Siebenbürgen in Biertan. Einem Ort, der der protestantische Mittelpunkt und Bischofssitz der ganzen Region war.
Vom Kirchenberg konnte man das einfache Leben der dort wohnenden Bevölkerung beobachten. Es wurden gerade die Kartoffel geerntet. Ein Pferd, ein einscharriger Pflug und die Hände der Leute, so wie ich es als Kind noch erlebt habe. Man wird zufrieden mit dem was man hat.
Zurück in Klausenburg fanden wir in der Altstadt ein im Reiseführer genanntes Hotel und ließen das Leben dieser Universitätsstadt auf uns wirken. Man hatte den Eindruck nicht in Rumänien zu sein sondern irgendwo im maritimen Raum von Europa. Europa, dass hatten wir doch schon einmal in der K&K Monarchie. Diese Städte waren zu dieser Zeit schon Kulturzentren. Warum brauchte es zwei unvorstellbare Kriege um wieder so weit zu kommen?
Die Wetterinfos aus dem Internet am Samstag, noch im Hotel eingeholt, ergaben keinen Gegenwind. Wir konnten ohne Zwischenlandung zum Tanken mit dem noch vorhandenen Sprit zum Spitzerberg fliegen. Die Aufgabe des Flugplanes über den PC des Hotel’s war schnell erledigt. Am Flugplatz hatten wir lediglich die Ausreise und die Landegebühr zu bezahlen und in 2h06 waren wir nach 303 NM wieder am Spitzerberg gelandet.
Gesamtstrecke 1177 NM, Flugzeit 8h24, durchschnittliche Reisegeschwindigkeit 140 Knoten. Schön war’s.

